Das P-Seminar Theater 11 überzeugt mit einer werkgetreuen Inszenierung von Lessings „Emilia Galotti“
Für manche gibt es kein Entrinnen – mit diesen Textzeilen des Liedes von Paris Paloma „The fruits“ klingt nach zwei kurzweiligen und auf eindrucksvolle Weise gestalteten Stunden das Stück um die bürgerliche Tocher „Emilia Galotti“ aus, die unschuldig zum Spielball adliger Begehrlichkeiten und intriganter Verstrickungen wird. “There´s no escape for some” - dies gilt dabei jedoch nicht nur für die schöne Protagonistin, sondern auch für all die anderen Beteiligten – unabhängig von Stand und Position – sobald sie sich ihren Eitelkeiten und Wünschen ergeben.
Doch zunächst scheint die Situation bereits von vorneherein klar, wenn die zwei kommentierenden Stimmen des Stückes aus dem Werk einzelne Sätze zitieren und den Prinzen des Stückes lautstark zum Mörder erklären. Sophia Nguyen und Lilly Dellert zeigen sich während des ganzen Stückes als moralische Stimmen, die aber nicht nur Missstände der Adelsherrschaft verbal benennen, sondern auch durch musikalische Einlagen die Stimmung des Geschehens beeindruckend spiegeln und unterstreichen. Immer wieder zeigen sie, von Melissa Klassin am Klavier souverän und gelungen begleitet, stimmliche Prägnanz und Fähigkeit zur wundervollen Untermalung besonderer Szenen. Diese besondere Stimmung an den unterschiedlichen Handlungsorten wird zudem auch durch eine sehr gelungene Ton- und Bildtechnik unterstützt. Das Technik-Team unter Leitung von Noah Kießling (11c) und Felix Amthor (11a) sorgt durch stimmungsvolle Farbgestaltung und stimmiges Lichtmanagement sowie präzisen Einsatz von Bild- und Tonmaterial für eine gelungenen sphärische Gestaltung der jeweiligen Szenen. Unterstützt wurden sie dabei auch von Hannes Nordmann (Q12) und natürlich dem gesamten Technik-Team. Und gleich an dieser Stelle auch benannt sei die hilfreiche Unterstützung der Probenarbeit durch Lisa Hofmann, die Souffleuse Lilia-Sophie Welzenbach (11d) sowie gelungenen Gestaltung der Maske durch Hanna Löffler (11b).
„Der Prinz ist also ein Mörder“ - so recht kann man sich das zunächst gar nicht vorstellen, wenn dieser Prinz betrunken auf die Bühne torkelt, sich seinen Schwärmereien für „Emilia“ hingibt, die er zum neuen Objekt seiner Begierde gemacht hat. Jugendlich wirkt er, beinahe unbedarft, dreht sich doch alles um seine Gefühle und Wünsche, und Amelie Neundorfer (11b) spielt diese Rolle mit Bravour. In einem Moment gelangweilt, im nächsten vollkommen begeistert und hingerissen, als der Maler bzw. Fotograf Conti (geschickt nüchtern und analytisch von Hanna Röckelein (11b) gegeben), ihm seine neuesten Bildnisse auf Leinwand präsentiert. Seine Amtspflichten scheinen vergessen. Das Regieren wird zur Nebensache, denn der Prinz im Bademantel hat andere Interessen. Diese gelten nun nicht mehr seiner einstigen Mätresse Orsina, wie man erfährt, nein, der Fokus der Schwärmerei liegt auf Emilia - sehr zum Leidwesen des Kammerherrn Marinelli, der sich für das Wohl des Prinzen einsetzt – beinahe schon freundschaftlich verbunden, wenngleich er sich darüber bewusst ist, dass diese Freundschaft keineswegs persönlich gemeint ist, ist er doch abhängig von den Launen und der Willkür des Prinzen – oder etwa nicht? Bereits der erste Auftritt von Marinelli lässt den Zuschauer schaudern. Kalt, nüchtern, und zielstrebig betritt der Kammerherr die Bühne – überzeugt, überzeugend – ein Bussines-Mensch durch und durch. Rasch kombinierend, analytisch klar und stets kühl und durchdacht, so spielt Mariella Rachner (11c) diesen finsteren Höfling auf wirklich beeindruckende Weise zwei Stunden lang. Nicht nur ihre klare und präzise Sprachgestaltung mag dabei in den Bann zu ziehen – auch die durch und durch selbstsichere Präsenz des Strippenziehers imponiert.
Da ist man dann ob der Kühle fast schon erleichtert, wenn mit dem geschickt musikalisch überbrückten Szenenwechsel ins bürgerliche Haus „Galotti“ ein richtiger „Gangster“ die Bühne betritt. Sehr charmant gibt Felix Berger (11a) einen waschechten Bösewicht im Trenchcoat, der in tiefstem Fränkisch mit dem Diener des Hauses (engagiert in dieser Rolle Rozaliia Basirova (11c)) ein Komplott ausheckt – für die Nichtfranken hoffentlich auch in allem verständlich.
Man lernt also im Folgenden die bürgerliche Familie kennen – Anastasia Maximtschuk (11a) präsentiert dem Publikum einen durch und durch selbstsicheren Vater, der sich seiner Stellung nicht schämt, im Gegenteil – er weiß um seine Position und man nimmt diese der Schauspielerin jede Sekunde ihres Auftritts ab: den souveränen Vater von Welt, der das elegante Selbstverständnis des gehobenen Bürgertums verkörpert. Auch seine Frau Claudia Galotti, stimmig liebevoll gespielt von Emelie Imhof (11c), passt als fürsorgliche Mutter gut ins Bild. Und dann lernen wir auch Emilia kennen – jugendlich grazil, unschuldig wird diese gekonnt von Frieda Jakobi (11c) gespielt, als sie auf die Bühne rennt und die Bestürzung einer jungen Frau über eine unvermittelte, ungebührliche Annäherung eines fremden Mannes, des Prinzen, in der Kirche vermittelt. Durch eine geschickt inszenierte, mit passendem Sound (Mitski: Liquid smooth) untermalte Filmszene wird diese Begegnung in ihrer Bedeutung im Hintergrund stimmig aufgezeigt, während Emilia ihrer Mutter aufgeregt davon erzählt. Man sieht Begehren angedeutet, ungebührliche Nähe und Entsetzen in den Augen einer jungen Frau. Das Nicht-Entrinnen-Können hat begonnen und wohl auch für den Verlobten Emilias. Der lässt auch nicht lange auf sich warten und wird sogleich im Hause Galotti just am Tag seiner bevorstehenden Hochzeit von Marinelli besucht und aufgefordert, im Auftrag des Prinzen eine unaufschiebbare Reise zu unternehmen. Laura Fechler (11c) gibt einen verträumt und beinah schon philosophisch wirkenden Graf Appiani, der sich weigert, den Wünschen des Prinzen zu entsprechen, was zuletzt in einer spannungsvollen Streitszene mit dem Kammerherrn Marinelle führt, der auch hier wieder in seiner Intriganz voll überzeugt.
Allerdings ist Marinelli noch immer Bediensteter des Prinzen und so setzt er diesen – zumindest in Teilen - in Kenntnis des unheilvollen Geschehens im Hause Galotti bei seinem Versuch, Emilia für den Prinzen „erreichbar“ zu machen und die Hochzeit mit Appiani zu verhindern. Man weilt mittlerweile auf „Dosalo“, dem Lustschloss des Prinzen, und das Geschehen nimmt seinen vorbestimmten Lauf. Der Verlobte Emilias wird bei der „Flucht“ bzw. der Fahrt zu seiner Hochzeit mit der Familie seiner Braut getötet – dies wird szenisch gelungen und sehr eindrucksvoll vermittelt, indem er tatsächlich „in Strippen des Geschehens eingebunden“ und zu Tode gebracht wird – Marinelle ist derjenige, der im Hintergrund rote Blütenblätter über das Opfer wirft: “ there´s no escape for some.“
Gibt es noch ein Entrinnen für Emilia und den Rest der Familie? Nach der Pause kehrt man als Zuschauer zurück ins Geschehen im Lustschloss – Emilia rennt wieder einmal auf die Bühne, dieses Mal bestürzt über den Überfall auf ihre Kutsche. Vom Tod ihres Verlobten weiß sie noch nichts, als sie aufgeregt und verzweifelt dem gleichfalls aufgeregten Prinzen begegnet, der sie in seine Obhut nimmt. Auch die Mutter taucht sorgenvoll auf, erkennt den „Mord“ an dem Verlobten und es entsteht an dieser Stelle ein starker Kontrast zwischen ihrer Verzweiflung und dem kühl-arrogant auftretenden Marinellis, der seinen Plan erfüllt sieht: der Verlobte ist aus dem Weg geräumt, der Weg zu Emilia vermeintlich frei. “there´s no escape for some“ - der Prinz erkennt, dass sein Ruf in Gefahr ist, nicht erst mit dem Auftreten seiner ehemaligen Mätresse Orsina. Denn diese erkennt bereits kurz nach ihrem unerwarteten Erscheinen im Lustschloss die Zusammenhänge des Geschehens sehr schnell. Theres Graf (11d) vermag es gekonnt, die Gräfin in ihrer Präsenz als ebenbürtig mit der Marinellis darzustellen. Angemessen selbstsicher und arrogant vermittelt sie eine Frau von Weitblick und Intellekt, klar den Zeitgeist widergebend: „Eine Frau die denkt, ist ebenso hässlich wie ein Mann der sich schminkt.“ Sie weiß, wie die Positionen in der damaligen (?) Welt verteilt sind und verkörpert damit zugleich eine durch und durch emanzipierte Frau, die das Spiel durchschaut und gleichfalls beherrscht -jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als sie jede Hoffnung auf den Prinzen aufgeben muss. Nicht erst hier kommentiert der Chor wieder das Geschehen – aber hier gelingt es den beiden Sängerinnen durch “Maybe this time“ aus „Cabaret“ in ganz besonderer Weise für einen Gänsehaut-Moment zu sorgen.
Zuletzt taucht nun noch der Vater auf – Odoardo, wieder sehr überzeugend in seiner gekränkten Ehre und der Sorge um seine Tochter dargestellt, erfährt von Orsina vom Geschehen und erhält sogleich ein Todeswerkzeug mit, um die verlorene Ehre wieder herzustellen. Ist es die von Emilia oder die von Orsina als verschmähter Geliebten? Noch versuchen der Prinz und Marinelle zu beschwichtigen, sie umkreisen den Vater, versuchen einen Ausweg aufzuzeigen, die Dinge zu regeln, Emilia in die Obhut eines ehrenwerten Freundes zu bringen. Aber zuletzt haben sie die Rechnung ohne Emilia gemacht, die in ihrem letzten Auftritt nun nicht mehr rennen muss – sie zeigt sich als junge Frau, die das Geschehen verstanden hat und sich auch über ihre eigenen Gefühle im Klaren ist – wie kann sie den Verführungen, die sich ihr bieten, dem gezeigten Begehren, ihrem eigenen jugendlichen Drang, widerstehen?
Wie kann man widerstehen? Den eigenen Wünschen, welcher Art auch immer – dem Willen nach Anerkennung, nach Freundschaft, nach persönlicher Bedeutung, nach Leidenschaft, nach Liebe “ - there´s no escape for some?“ Lessing beendet seine Fabel über Leidenschaften und menschliche Versuchungen sehr klar – nur der Tod scheint Emilia retten zu können – und dieser Weg wird auch vom P-Seminar am Ende sehr eindrucksvoll aufgezeigt, indem Emilia ihr eigenes Konterfei auf Leinwand erdolcht – und doch die Szene verlässt, während der Prinz von Marinelli in den Arm genommen und von dannen geführt wird: “there`s no escape for some“.
Bereits zu Beginn hatte der Leiter des P-Seminars, Martin Stübinger, darauf hingewiesen, dass Lessings Sprache als so präzise und klar empfunden wurde, dass die werkgetreue Inszenierung bewusst gewählt wurde. Am Ende nun konnte das Publikum diese Entscheidung wohl mehr als nur nachvollziehen und darf dem P-Seminar zu ihrem P-Seminar-Leiter gratulieren. Denn mit einem bisher wenig theater-erfahrenen Seminar eine so überzeugende Inszenierung zu gestalten ist sicherlich auch seiner Handschrift zu verdanken. Es ist ein gelungener Abschluss eines engagierten Theaterleiters, der das E.T.A nach über zwanzigjähriger Tätigkeit nun leider verlässt. Schade, denn seiner nächsten Inszenierung wären wir sicherlich gerne „nicht entkommen“.
A. Kießling
Fotos: A. Homuth



