ETA Logo 100  E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg
ETA Logo 100 E.T.A. Hoffmann-
Gymnasium Bamberg

„Ist das jetzt das Ende?“

Endzeitszenario thematisiert die schrecklichen Folgen des von der Untätigkeit der Menschheit erzeugten Weltuntergangs durch den Einschlag eines Kometen Mit ihrem Stück „Ist das jetzt das Ende?“ präsentierte der Profilkurs Theater 12/13 des E.T.A. Hoffmann-Gymnasiums eine bemerkenswerte Adaption von Jura Soyfers „Der Weltuntergang oder: Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang“. Wenn man sich mit dieser Aussage ernsthaft auseinandersetzt, kann man verzweifeln, oder man kann, wie es die elf Schülerinnen und Schüler unter der Anleitung von Christina Morcinek getan haben, eine eigene, tiefgründige, intelligente und vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Thema kreieren, die offenbart, dass trotz aller ganz klar gezeigter menschlicher Verfehlungen die Hoffnung doch tagtäglich zu finden ist – in unsere Menschlichkeit, Kreativität und Nichtakzeptanz der anscheinenden Hoffnungslosigkeit.
Ursprünglich als Kabarettstück 1936 am Theater ABC Wien uraufgeführt, wurde das Drama von den Schüler:innen auf clevere und tiefgründige Weise aktualisiert und in aktuelle gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden. Drängende Fragen der Gegenwart wurden intelligent aufgegriffen, verdichtet und kritisch, aber auch witzig und vor allem sehr kreativ aufgezeigt.
Die Inszenierung überzeugte durch ein klares Konzept, das die satirischen Elemente des Originals geschickt mit heutigen Herausforderungen verknüpfte. Der Profilkurs setzte dabei auf eine dynamische Szenenfolge, die die Vielschichtigkeit der gesellschaftlichen Probleme – von Krieg und Rechtsextremismus über Autokratie bis hin zur Klimakatastrophe – pointiert darstellte. Besonders hervorzuheben ist die Aktualisierung des Stücks: Die Einbindung von Begriffen wie „Querdenker“, „Fake News“ und „Klimakleber“ zeigte, wie flexibel und zeitgemäß das Drama adaptiert wurde, ohne die kritische Grundhaltung des Originals zu
verlieren.
Die Aufführung reflektierte in facettenreichen Szenen die Bedrohungen und Widersprüche unserer Zeit. Dabei wurde deutlich, wie eng die Themen miteinander verwoben sind: Bürokratie als Hemmschuh für Fortschritt, Fake News als Gefahr für den gesellschaftlichen Diskurs und Klimakleber als Symbol für den Widerstand gegen die Ohnmacht. Die Inszenierung schaffte es, diese Themen nicht nur nebeneinanderzustellen, sondern ihre Wechselwirkungen sichtbar zu machen. Die kritische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Autokratie wurde dabei weder moralisierend noch plakativ inszeniert, sondern regte zur vertieften Reflexion an. Schon vor der Vorstellung werden die Gäste von Stewardessen begrüßt, zu den Plätzen im Raumschiff geleitet, in dem man dem Weltuntergang entfliehen möchte, erhalten Tomatensaft und Salzstänglein. Vorher dürfen alle überlegen, welcher der unnötigste Gegenstand ist, den man sich in letzter Zeit geleistet hat. Nicht nur Ressourcenknappheit, sondern auch Konsumwahn und die Notwendigkeit nachhaltigen Handelns werden hier ins Bewusstsein gebracht. Ruta Bauernschmitt und Maximilian Müller unterstützen das Ensemble humorvoll.
Mit laut deklamierten Parolen zum anstehenden Weltuntergang – laut, befehlend – will ein Chor, dem Theater der griechischen Antike gleich, aufrütteln, Aufmerksamkeit erregen, vor der Gefahr warnen … aber es hört niemand zu. Verzweifelt sucht Charlotte Guhl unter anderem als
Computerspezialistin, nach Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der sich nähernden Gefahr. Anna Rothmann glaubt an ChatGPT, befürwortet den Vorschlag, man möge sich mit Meditation auf den Weltuntergang vorbereiten, füttert die App mit vielen weiteren Fragen, was zur Folge hat, dass die KI gerne ein Jahresabo zu seiner Nutzung verkaufen möchte. Beide philosophieren nunmehr über den subjektiven Sinn des Daseins, sehen sich tief in die Augen, entfliehen somit der Situation durch eine romantisch-verklärende Distanzierung von der Realität.
Der „Pressetermin“ beleuchtet die Spaltung der Gesellschaft, nicht nur in Anbetracht des Kometen, der sich der Erde nähert und diese in wenigen Tagen vernichten wird. Hannes Pieger agiert erschreckend ekelhaft als ein die Realität leugnender und eine Autokratie herbeisehnender Politiker, der den Staatsphysiker und wahrlichen Experten Prof. Guck interviewt, dessen Aussagen aber in keiner Weise Glauben schenkt, ja die wissenschaftlichen Erkenntnisse als Fake News herabwürdigt. Hannes Nordmann verzweifelt glaubhaft in der Rolle des Wissenschaftlers, der die Welt retten möchte, aber nirgends Gehör findet und bis zum Ende sinnlose Kämpfe durchstehen muss, aber nie zum Ziel kommt. Er begegnet der Rotwein- trinkenden französischen Ministerialbeamtin Hanne Aurich, die nicht wirklich zuhört, sondern
sich mit bürokratischen Regelungen herausredet, schließlich muss eine beglaubigte Übersetzung für jeden Antrag vorgelegt werden. Auch an Sarah Budagjan kommt Prof. Guck nicht heran, schwadroniert diese doch auf Berlinerisch über das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen wird. Das hat man alles schon einmal gehört. Populistisch und die Situation verleugnend, vergleicht sie den Kometen mit Klimaklebern, die sich an den Himmel hängen, um eben diese lächerlich und schlecht zu machen. Nicht anders geht es dem immer fatalistischer wirkenden Experten, wenn Grete Staudigel die Notwendigkeit einer juristisch korrekten Patentierung für die rettenden Gerätschaften des Forschers einfordert, die natürlich ewig dauern wird, was aber nichts macht, da die Österreicherin knapp vorgibt, dass der Weltuntergang doch bitte warten möge. Die einfühlsame Oma Sarah Brandner und die Enkelin (Anna Rothmann vermag auch diese gelungen darzustellen) unterhalten sich über das Ende der Welt, klagen eindrücklich über nicht erfüllte Wünsche und Sehnsüchte, über Ängste, über die Sehnsucht nach Natur, Liebe, die Beendigung von jahrzehntelangen Streitereien in der Familie, nach Mitgefühl, Gemeinschaft, Solidarität, Engagement und Zusammengehörigkeitsgefühl.
In der darauffolgenden Szene wird in einem Brief der Schülerinnen an ihre nicht geborenen Enkel, der von mehreren Schauspielerinnen eindrücklich-aufrüttelnd vorgetragen wird, dieses Ansinnen nach einer positiven Weltentwicklung rückblickend unter der Fragestellung „Warum es schade ist, dass die Welt untergegangen ist“ nochmals eindringlich rezitiert und betont. Anna Lou Winkler sinniert in einer Trennungsszene weiter schlüssig zweifelnd über das Leben, verlorene Chancen, über die Welt und die Angst vor dem Ende und offenbart dabei auch die Dilemmata, in welcher die Menschheit gefangen ist. Muss man überhaupt noch Schlussmachen, wenn bald eh alles vorbei ist? Der Begriff der Endgültigkeit erfährt in diesem Kontext eine ganz andere Färbung. Da nutzt auch keine Anti-Panic-App etwas, für welche von Clara Spörl und
Hanne Aurich Werbung gemacht wird. Sarkasmus pur, der hier zum Vorschein kommt. Die Situation in den Familien wird zugespitzt: rotzfrech gibt Grete Staudigel das
Familienoberhaupt, welches nur an die Aussagen in Telegramm-Gruppen glaubt, was die Tochter, die Clara Spörl geschickt kritisch reflektierend darstellt, den Vater als verstrahlt sehen lässt. Die viel zitierte These „Man wird doch noch die Wahrheit sagen dürfen“ wird auch hier bedient. Frieden in der Familie wird dadurch nicht erzeugt, weil man einander nicht zuhört, weil man nicht mehr miteinander redet. In einer traumgleich gestalteten Szene voller Sanftheit und Anmut überzeugt Josephine Zsigmond wieder einmal mit ausdrucksstarkem Tanz, der die Emotionen der verzweifelten Menschen künstlerisch tiefgründig zum Ausdruck bringt. Im Gegensatz dazu singt das Ensemble in einer Straßensänger-Szene den ironischen, sarkastischen und fröhlichen Weltuntergangssong: „Die Welt ist schon bald kaputt!“ aber alle schauen weg, denn in der heilen Schlagerwelt sind Probleme unerwünscht. 24 Stunden vor dem Ende fliehen alle in die Party, in den Alkohol, in Drogen. Catalina Luna und Maximo Simionato, zwei
argentinische Austauschschüler:innen, bereichern die bunte Truppe, so dass die Panik der dem Tod geweihten in verschiedensten Sprachen vorgetragen werden konnte. Am Ende wird der Komet nicht einschlagen, der Welt nicht untergehen. Aber die Angst bleibt wohl für viele, dass die Menschheit unvernünftig bleibt und auch in Zukunft nicht menschlich handeln wird.
Die Darsteller:innen überzeugten durch eine engagierte und differenzierte Darstellung der zahlreichen Figuren, die zwischen Komik und Ernsthaftigkeit changierten. Besonders gelungen war das Zusammenspiel im Ensemble, das die satirischen und tragischen Momente des Stücks nuanciert herausarbeitete. Das Bühnenbild unterstützte die Inszenierung durch eine sehr clevere, reduzierte, aber wirkungsvolle Gestaltung. Gefangen in einem begehbaren Würfel, der gemäß des Kreislaufs des Lebens immer wieder gedreht wurde und dabei eben die unterschiedlichsten Facetten des Daseins offenbarte, gelang nur den wenigsten der Ausbruch. Die einen blieben gefangen in ihrer lichterilluminierten, Techno dröhnenden Vergnügungswelt, gedrängt und im Rausch von unterschiedlichsten Problemen eingenommen, die anderen verschwanden im Schattenreich ihrer Ideen und Hoffnungen oder blitzten für Sekunden auf mit ihren Ideen. Nur wenigen gelang es, die Schichten des Immergleichen auch wirklich aktiv zu durchbrechen. Dafür musste die schützende oder vielleicht auch einengende Folie des Lebens zerschnitten und Mut aufgebracht werden – und so verfolgte man als Zuschauer vollkommen gespannt dieses Spiel mit Licht und Schatten und das Ausbrechen aus diesem Trott, das wirklich durch das Zerschneiden der Folien gelang. Aber dann gab es noch eine ganz andere Interpretation dieser Hülle, die sich über alles legt. Ist diese nicht auch Schutz und Freiheit, wenn kindliches Spiel im Höhlenbauen zuhause Geborgenheit und Leichtigkeit erfährt? Es blieb die Besonderheit dieser wunderbaren Produktion von Christina Morcinek, dass das Spiel mit dem Würfel und den vielen Schichten der Folien Raum für vielfältigste Gedanken und Interpretation ließ – ein einfach wunderbares Spiel.
Hannes Nordmann, Hannes Pieger, Jonathan Reichert und Noah Vinzenz Kießling (unterstützt von Anne Homuth, Carla Miribung, Frieda Stoebel, Sebastian Losgar und Noam Herzog) zeichneten sich zuverlässig für die Technik verantwortlich. So mancher sinnvoll ausgewählte Song untermalte – auch ironisch – die Handlung. Aber mit Philipp Amon am E-Piano, Hannes Pieger am Bass und Sarah Budagjan als Sängerin und Komponistin wurden futuristische Musik und nachdenklich stimmende Texte live auf die Bühne gebracht. Besonders das ungeheuer emotional und zart von Sarah Budagjan vorgetragene Schlaflied sorgte im Publikum für starke Emotionen. Ida Schwarzenberger gab den Spielenden als Souffleuse die Sicherheit, in ihren vielen und teilweise völlig unterschiedlichen Rollen bleiben zu können.
„Ist das jetzt das Ende?“ zeigte eindrucksvoll, wie ein 90 Jahre altes Stück durch kreative Aktualisierung und gesellschaftliche Relevanz neue Bedeutung gewinnen kann. Die Aufführung des Profilkurses Theater 12/13 war nicht nur künstlerisch überzeugend, sondern auch eine Einladung zur kritischen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit. Das Stück bleibt als engagierter Beitrag zur Schulkultur und zur gesellschaftlichen Debatte in Erinnerung.
Ein nachdenklich stimmender, künstlerisch wertvoller und beeindruckender Theaterabend ist vorbei. Christina Morcinek hat mit ihrer talentierten, bunten Truppe Großes geleistet und wir als Zuschauer:innen dürfen uns auf die nächste ereignisreiche Aufführung freuen.
Wolfgang Metzner

Fotos: Anton Homuth